Häusliche Gewalt ist für Frauen jeden Alters und überall auf der Welt die größte Gefahr für Gesundheit und Leben. Diese Form der Gewalt wird unabhängig von Nationalität, Kultur, Religion und sozialem Status verübt. Werden Frauen Opfer von Gewalt, kommt der Täter fast immer aus dem so genannten „Sozialen Nahfeld“. Laut Schätzungen ist in Österreich jede fünfte Frau von Gewalt durch einen nahen männlichen Angehörigen betroffen.

In Österreich passieren mehr als die Hälfte aller Morde im Familien- und Bekanntenkreis, die Opfer sind mehrheitlich Frauen und Kinder. Im Jahr 2012 wurde zu insgesamt 159 Fällen von Mord gemäß § 75 StGB die entsprechende Opfer-TäterIn Beziehung erfasst. In 117 Fällen lag ein Verwandtschafts- bzw. Bekanntschaftsverhältnis vor, das sind 73,6 Prozent.

Die Dunkelziffer im Bereich der privaten/familiären Gewalt ist sehr hoch.
Da es in Österreich nur wenige Untersuchungen zu diesem Problem gibt, ist es schwierig, genaue Aussagen über das Ausmaß der Gewalttaten zu treffen.

Top

Gewalt an Frauen und Kinder

Laut Untersuchung eines Polizeijuristen kommt es in Wien rund housewalleinmal im Monat zu einem Mordversuch oder Mord im Familienkreis. Die Opfer sind überwiegend Frauen und Kinder. Untersuchungen von Kindern in Frauenhäusern ergeben, dass mehr als die Hälfte der Kinder von direkter Gewalt durch den Vater betroffen sind. Eine Studie mit Tiefeninterviews zeigt, dass in 70 Prozent der Fälle nicht nur Frauen, sondern auch ihre Kinder misshandelt wurden.

Im Jahr 2012 haben 3.502 Personen, davon 1.735 Frauen und 1.767 Kinder, in 26 österreichischen Frauenhäusern und Frauennotwohnungen Zuflucht gefunden

Häusliche Gewalt ist daher eindeutig ein gesellschaftliches Problem, nach wie vor handelt es sich dabei leider teilweise um ein Thema das totgeschwiegen wird.

Formen der Gewalt

Meist werden verschiedene Formen von Gewalt gleichzeitig ausgeübt.

Physische Gewalt

Richtet sich gegen das körperliche Wohlbefinden eines anderen Menschen.

Dazu zählen: Boxen, Faustschläge, Fesseln, Stoßen, Treten, Ohrfeigen, mit Gegenständen werfen, das Überschütten mit Flüssigkeiten, festes Zupacken, an den Haaren ziehen, Würgen,mit Zigaretten verbrennen, mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, Angriffe mit einem Gegenstand oder Waffen aller Art (Messer, Gürtel etc.), Morddrohung, Mordversuch oder Mord, Misshandlungen in der Schwangerschaft, Misshandlungen an Kindern

Psychische Gewalt

Richtet sich gegen das seelische Wohlbefinden eines anderen Menschen, mit dem Ziel, das Selbstwertgefühl zu beeinträchtigen.

Dazu zählen: Beleidigung und Demütigung, Herabminderung, Abwertung, Missachtung, Lächerlichmachen in der Öffentlichkeit, Schweigen, Verleumdung, Eifersucht, Herunterspielen ausgeübter körperlicher Gewalt, Schreien, Drohungen, sich selbst, der Partnerin, den Kindern etwas anzutun. Drohen, die Kinder wegzunehmen, soziale Isolation: wie Kontrolle von sozialen Kontakten zu Freundinnen und Freunden, Familie und Arbeitskolleginnen und –Kolleginnen, Kontakt zu Verwandten, Freundinnen und Freunden und/oder Bekannten unterbinden, sowie Unterbindung der Freizeitaktivitäten, Zerstören wertvoller persönlicher Dinge

Sexualisierte Gewalt

Sind alle sexuellen Handlungen, die gegen den Willen der Betroffenen geschehen. Sexualisierte Gewalt stellt einen massiven Gewaltakt sowohl gegen das physische als auch das seelische Wohlbefinden der Betroffenen dar.

Dazu zählen: versuchte Vergewaltigung, Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Nötigung, sexueller Missbrauch, alle Formen sexueller Bedrohung, alle sexuellen Handlungen gegen den eigenen Willen, Zwangsprostitution

Soziale und finanzielle Gewalt:

Dient der sozialen und finanziellen Abhängigkeit der Betroffenen vom Partner/der Partnerin.

Zur sozialen Gewalt zählt: die Isolation des Opfers von Familie und Freundeskreis, die Kontrolle der Kontakte, Verbot von Kontakten, einsperren

Zur finanziellen Gewalt zählt: alleiniger Kontrolle der Finanzen durch den Täter, Zuteilung des Geldes, Verweigerung des Zugangs zum Geld, Einsetzen des Geldes als Mittel der Belohnung und/oder Bestrafung, Verbot Arbeiten zu gehen und berufstätig zu sein, Verbot eines eigenen Bankkontos, Arbeitsverbote oder Arbeitszwang

Belästigung und Stalking

Diese Form der Gewalt wird häufig von Ex-Partner/innen ausgeübt, welche die Trennung nicht akzeptieren wollen.

Dazu zählen: häufige und unerwünschte Anrufe, SMS, Briefe, E-mails, Faxe, ständiges Beobachten und Verfolgen, unerwünschte Bestellungen auf den Namen der Betroffenen, anhaltende Beschimpfung und Bedrohung, Hinterlassen unerwünschter Nachrichten, die Kontaktaufnahme über Dritte

Internetgewalt

Gewalt in sozialen Medien (Facebook und Blogs) und im Internet. Stalking kommt auch im Internet vor – Cyberstalking.

Nach oben

Kreislauf der Gewalt

Warum verlassen Frauen ihren Misshandler nicht?

Am Anfang der Beziehung sind meist Tendenzen zu Aggression, Kontrolle oder Gewalt im Partner nicht sichtbar. Oftmals beginnt die Gewalt mit der Ehe oder der Geburt eines Kindes. Oft wird von 3 Phasen gesprochen, welche wiederholt werden und fließend ineinander übergehen:

1. Die ‚Flitterwochen‘ Phase

In dieser Phase zeigt sich der Misshandler reumütig. Er entschuldigt sich, verspricht sich zu bessern und nie wieder Gewalt anzuwenden. Er nimmt Beratung in Anspruch, hilft im Haushalt, kauft Geschenke, usw. Das Verhalten des Täters ist der Versuch die Frau wieder zurückzugewinnen bzw. für sich zu gewinnen, wieder in die Beziehung ‚hineinzuziehen‘. Die Frau glaubt ihm – oder wünscht sich ihm glauben zu können, hofft, dass er seine Versprechungen hält. In dieser Phase ist die Beziehung meist gut. Der Misshandler schiebt jedoch die Verantwortung für die Gewalttat auf die Frau („Hättest du mich nicht provoziert, wäre es nicht passiert“). Nach einiger Zeit passt sich die Frau meist soweit an, dass sie den Aussagen des Täters glaubt – sie sucht die Schuld für die Gewalt bei sich selbst.

2. Die Spannungsaufbauphase

In dieser Phase regiert die Ungewissheit. Es ist schwer einzuschätzen, wie sich der Misshandler verhalten wird – wird er gewalttätig/aggressiv oder freundlich sein. Die Frau ist immer auf der Hut und versucht alles richtig zu machen – sie passt sich an, um weitere Gewaltausbrüche zu vermeiden. Oft ist diese Phase der Ungewissheit die schwierigste für die Frauen, da sie ständig gestresst, angespannt und über-wachsam sind. In dieser Phase kommt es meist nicht zu Gewalttätigkeiten (oder nur minimal) – jedoch kommt es zu emotionaler, psychischer Misshandlung, Gewaltandrohungen, Demütigung, etc.

3. Der Gewaltausbruch

Dies ist die Phase in welcher der Misshandler Gewalt ausübt (physisch, emotional, sexuelle, etc.).

Nach einer kürzeren oder längeren gewaltfreien Phase (‚Flitterwochenphase‘) beginnt die Phase des Spannungsaufbaus erneut, bis es irgendwann wieder zum Gewaltausbruch kommt. Der Kreislauf wiederholt sich.

Das Verhalten betroffener Frauen kann denselben psychischen Mechanismen folgen, die auch bei Geiselopfern zu finden sind, das heißt: Sie passen sich dem Täter an, um zu überleben (Stockholm-Syndrom). Dadurch wird die Bindung an den Täter so stark, dass häufig dessen Perspektive vom Opfer übernommen wird, wodurch teilweise die für Außenstehende unerklärliche Koalition mit dem Misshandler entsteht. (Schweikert 2000: 54 – 60)

Meist besteht die größte Gefahr für die Betroffenen beim Verlassen der Täter. Der Täter ist dann damit konfrontiert, die Betroffene zu verlieren, dies kann zur extremen Gewalteskalation bis hin zu Mord führen. Fakt ist, dass die Ermordung von Betroffenen häufig nach der Trennung passiert.

Nach oben

Folgen von Häuslicher Gewalt

Die Folgen Häuslicher Gewalt sind sowohl akut als auch langfristig. Sie können körperliche, psychische und soziale Auswirkungen haben. Neben den unmittelbaren physischen Verletzungen sind Überlebende Häuslicher Gewalt meist langfristig traumatisiert.

Körperliche Folgeschäden

Viele Betroffene werden letztlich von ihren Partnern umgebracht. Die, die die Misshandlung überleben, müssen mit einigen oder mehreren der folgenden Beeinträchtigungen leben: Knochenbrüche, Schädigung innerer Organe, Hirnschädigungen auf Grund von Schlägen auf den Kopf, schlecht verheilte Narben am ganzen Körper, Entstellungen im Gesicht, verminderte Seh- und Hörfähigkeit, Unterleibsverletzungen durch Tritte und Schläge oder erzwungene Abtreibungen. Vergewaltigungen bewirken anale und vaginale Verletzungen und Blutungen, Blasenentzündungen, Geschlechtskrankheiten, Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten.
Außerdem kommt es häufiger zu Krankheiten mit psychosomatischen Aspekten: Magengeschwüre, Thrombosen, Herzschmerzen, ständige Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen etc.

Psychische Folgeschäden

Angstzustände, Schlafstörungen, Misstrauen, Depression, Scham- und Schuldgefühle, Gefühle der Beschmutzung und Stigmatisierung, niedriges Selbstwertgefühl, Todeswünsche, Verzweiflung, Selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Abhängigkeit von Drogen und Medikamenten, Suizid(-versuche).

Dauert die Misshandlung über einen längeren Zeitraum an und fehlt gleichzeitig soziale Unterstützung, verliert die Betroffene den Glauben in die eigene Sicherheit und Unverletzlichkeit. Die Folge: Rückzugstendenzen, Veränderungen des Wertesystems, Wahrnehmungsstörungen bis hin zu schweren psychischem Störungen und Erkrankungen wie chronische Suizidgedanken und Selbstschädigendes/Selbstverletzendes Verhalten, Persönlichkeits- und Beziehungsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Borderline und dissoziative Identitätsstörungen.

Geringes oder völlig fehlendes Selbstvertrauen, Passivität und Ambivalenz bei Entscheidungen sind schwerwiegende Folgen von Häuslicher Gewalt, die sich stark auf das Leben der Frauen auswirken. Gerade diese Folgen werden im öffentlichen Bewusstsein meist mit den Ursachen verwechselt. So wird immer wieder angenommen, dass misshandelte Frauen nichts zur Veränderung ihrer Situation beitragen wollen, oder dass Frauen misshandelt werden, weil sie ambivalent oder passiv sind.

Das Verhalten betroffener Frauen kann aber denselben psychischen Mechanismen folgen, die auch bei Geiselopfern zu finden sind, das heißt: Sie passen sich dem Täter an, um zu überleben (Stockholm-Syndrom). Dadurch wird die Bindung an den Täter so stark, dass häufig dessen Perspektive vom Opfer übernommen wird, wodurch teilweise die für Außenstehende unerklärliche Koalition mit dem Misshandler entsteht.

Ökonomische Folgeschäden

Von Häuslicher Gewalt betroffene Frauen fehlen häufiger am Arbeitsplatz (auf Grund von Krankheit), lassen in der Arbeitsleistung nach, sind weniger belastbar und verlieren deshalb manchmal sogar ihre Stelle.

Die Auswirkungen körperlicher oder seelischer Verletzungen können so gravierend sein, dass die betroffenen Frauen nur noch eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr erwerbsfähig sind. Manche Frauen können infolge der Verletzungen nicht mehr lange sitzen oder stehen, oder Ängste wie die vor Menschenansammlungen schränken die Arbeitsmöglichkeiten ein.

Soziale und materielle Folgen

Es sind meist die Frauen, die die sozialen und monetären Konsequenzen Häuslicher Gewalt tragen. Sie leiden nicht nur unter sozialer Isolation, sondern müssen ihre Wohnung und die gewohnte Umgebung verlassen, wenn sie in ein Frauenhaus fliehen. Sie verzichten auf gemeinsames oder sogar ihr eigenes Eigentum, um in Ruhe gelassen zu werden. Täter zerstören Gegenstände, die der Partnerin gehören, und ersetzen sie nicht. Viele Frauen verzichten aus Angst vor weiteren Angriffen auf Unterhalts-, Vermögensausgleichs- oder Schadensersatzzahlungen.

In der Regel besteht kein tragfähiges soziales Netz zur Unterstützung der Frau; ihre Kontakte werden unterbunden oder unterliegen der Kontrolle durch den Misshandler. Weil FreundInnen, die sich mit ihr solidarisieren, selbst Opfer von Attacken des Aggressors werden, sind viele freundschaftliche Beziehungen nicht von Dauer. Manchmal hat das „Öffentlichmachen“ der Misshandlungen negative soziale Konsequenzen für die Frau. Auch eigene FreundInnen und Verwandte schneiden sie.

Folgen für Kinder

Sie sind immer das schwächste Glied in der Familie und Opfer Häuslicher Gewalt, selbst, wenn sie „nur“ Zeugen der Misshandlungen werden. Die meisten Studien belegen aber, dass sich Häusliche Gewalt in Familien sehr selten nur auf die Partnerin beschränkt.

Kinder werden durch Häusliche Gewalt schwersttraumatisiert, darüber hinaus erlernen sie destruktive und negative Verhaltens- und Geschlechterrollenmuster. Oft fühlen sie sich mit verantwortlich, schuldig, hilflos, allein gelassen, ausgeliefert, in vielen Fällen versuchen sie einzugreifen und werden dabei selbst verletzt.

Je nach Alter zeigen Kinder verschiedene unspezifische Symptome. Sie können sehr unterschiedlich auf die Traumatisierung reagieren. Einige der verbreiteten Folgen sind: Angstzustände und Depressionen, Schlafstörungen, Flashbacks und Albträume, psychosomatische Beschwerden, Schwierigkeiten in der Schule, Stimmungsschwankungen, Aggressivität, niedriges Selbstwertgefühl, Alkohol- und Drogenkonsum, Selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen etc.

Auch wenn die deterministische Gleichung „Jungen als Opfer Häuslicher Gewalt werden als Männer zu Tätern, Mädchen als Frauen zu Opfern“ nicht angebracht ist, zeigen Untersuchungen doch, dass das Risiko einer solchen Entwicklung hoch ist.

In einer Zusammenstellung der Kosten von Gewalt nach der WHO variieren die jährlichen Folgekosten Häuslicher Gewalt je nach Land und Region zwischen 1 und fast 13 Milliarden Dollar (WHO 2004: 18). Frauenhäuser, Polizei- und Gerichtskosten, ärztliche Behandlung und psychologische Betreuung müssen finanziert werden. Auch durch Arbeitsausfälle entstehen Kosten.

Nach oben


Quellen:
SCHWEIKERT, Birgit (2000): Gewalt ist kein Schicksal. Ausgangsbedingungen, Praxis und Möglichkeiten einer rechtlichen Intervention bei Häuslicher Gewalt gegen Frauen unter besonderer Berücksichtigung von polizei- und zivilrechtlichen Befugnissen, Baden-Baden.
Safe Space Inc.: http://www.safespaceonline.org/what-is-domestic-violence–sexual-assault.html
TERRE DES FEMMES Menschenrechte für die Frau e.V.   www.frauenrechte.de
Reine Mädchensache: http://www.mona-net.at/
Interventionsstelle: http://www.interventionsstelle-wien.at/start.asp?ID=310&b=56
Frauenhelpline: www.frauenhelpline.at
WHO/ Hugh Waters et al. (2004): The Economic Dimensions Of Interpersonal Violence,Geneva.